Eisenbahnerstadt und Bahnbetriebswerk Neumünster

Eisenbahnerstadt und Bahnbetriebswerk Neumünster

Mit Neumünsters Aufstieg zur Stadt ist die Eisenbahn untrennbar verbunden. Noch heute laufen in Neumünster sieben Eisenbahnstrecken zusammen. Die zentralen Nord-Süd-Achsen zwischen Hamburg, Kiel, Flensburg und Dänemark durchqueren die im Herzen Schleswig-Holsteins gelegene Stadt ebenso wie die die Strecken nach Heide, Bad Oldesloe und Kaltenkirchen. Das voll aktive Ausbesserungswerk der DB für Reisezugwagen, das Verladeterminal der neg für Container und Schüttgut sowie der „Kulturlokschuppen Neumünster“ auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks (Bw) setzen Neumünsters großer Eisenbahngeschichte ein verdientes Denkmal.

Aus einer kleinen Remise bei der Eröffnung der Bahnstrecke Altona-Neumünster-Kiel (1844) entwickelte sich das Bw Neumünster in eine enorme Größenordnung. Zwei Drehscheiben mit 17- bzw. 22-ständigem Lokschuppen, Lokleitung, Kohlebansen, Wasserturm, Besandungsanlage und Sozial- und Werkstattgebäude dienten zur Behandlung der Lokomotiven und beherbergten die Eisenbahner. Seine größte Ausdehnung erreichte das Bw Neumünster vor dem zweiten Weltkrieg, der am Ende von dem stolzen Bahnbetriebswerk nicht viel übrigließ.

Der teilweise Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder sorgten noch einmal für große Betriebsamkeit. Nach der 1988 erfolgten Stilllegung diente das Gelände bis 2005 als Standort des DB Museums. Viele Neumünsteraner erinnern sich noch gerne an die Tage der offenen Tür und die zahlreichen Feste, die im alten Lokschuppen zwischen den Dampfloks gefeiert wurden.

Auch wenn nach der Aufgabe des Geländes durch die DB zunächst die Vandalen das Zepter übernahmen, blieben ein 6ständiger Lokschuppen mit der Drehscheibe, 22 Strahlengleisen, Lokleitung, Kohlebansen sowie Sozial- und Werkstattgebäude bestehen. Das gesamte Ensemble wurde 2011 unter Denkmalschutz gestellt und damit endgültig vor einer weiteren Zerstörung bewahrt.

Nun sieht es in veränderter Form einer neuen und hoffentlich strahlenden Zukunft entgegen.

Bauphasen Bahnbetriebswerk Neumünster

Die früheste Ansicht des Bahnhofs in Neumünster ganz rechts im Bild (um 1850)

Bauphase 1 – 1842 bis 1844
Anfang

Neumünster bekam seinen Eisenbahnanschluss im Jahre 1844 mit der Eröffnung der Strecke Altona – Neumünster – Kiel, welche von der dänischen Krone errichtet und nach ihrem König „Christian VIII Ostseebahn” genannt wurde. Eine kleine Lokremise war alles, was bei der Betriebseröffnung vorzuweisen war. In Neumünster begann damit das Eisenbahnzeitalter nur neun Jahre nach der Eröffnung der ersten deutschen Bahnstrecke von Nürnberg nach Fürth (1835). Mit Neumünsters Aufstieg zur Stadt ist die Eisenbahn damit untrennbar verbunden.

Der Flecken Neumünster mit Bahnhof (errichtet um 1860), Vicelinkirche (1834) und Gasometer (1857)
Erweiterung von 17 Ständen im Lokomotivschuppen auf Bahnhof Neumünster (evtl. 1924)

Bauphase 2 – 1844 bis um 1900
Ausbau und Aufstieg

Nach der Eröffnung der ersten Bahnstrecke in Schleswig-Holstein im Jahre 1844 entwickelte sich das Eisenbahnnetz rasch weiter.
Mit Bezug auf Neumünster folgten die Strecken

• 1845 Neumünster–Rendsburg
• 1866 Neumünster–Ascheberg–Plön–Eutin–Neustadt
• 1875 Neumünster–Segeberg–Oldesloe
• 1877 Neumünster–Hohenwestedt–Heide

Damit entwickelte sich Neumünster in einem Zeitraum von wenigen Jahrzehnten zu einem großen Eisenbahnknotenpunkt, an dem sternförmig sechs Eisenbahnlinien zusammenliefen. Später kam als siebte Linie noch die Bahnlinie Altona-Kaltenkirchen-Neumünster (AKN) hinzu. Die verkehrstechnisch günstige Lage Neumünsters im norddeutschen Bahnwesen führte dazu, dass auch hier ein Bahnbetriebswerk errichtet wurde.

Größte Ausdehnung des Bahnbetriebswerks Neumünster (um 1938)

Bauphase 3 – Um 1900 bis 1945
Größte Ausdehnung und Glanzzeit

Soweit noch feststellbar, wurde das Bahnbetriebswerk ständig erweitert, ergänzt und umgebaut.
Seine größte Ausdehnung erreichte das Bahnbetriebswerk vor dem 2. Weltkrieg mit zwei Drehscheiben, zwei Ringlokschuppen, Sozial- und Werkstattgebäude, Lokleitung, Kohlebansen, Öllager, Wasserturm, zahlreichen weiteren Nebengebäuden und umfangreichen Gleisanlagen.

Besonders erwähnenswert ist der Umstand, dass in der Zeichnung links zum zweiten Mal ein Wasserturm im Grundriss erscheint. Er steht rechts vom zweiten Lokschuppen etwas unterhalb eines zweiflügeligen Gebäudes und hat einen anderen „Fußabdruck“ (Pfeilform) als der ersterwähnte Wasserturm. Von den eingezeichneten Wassertürmen fehlen jegliche Abbildungen, Zeichnungen oder Fotos.

Ausdehnung mit einer Drehscheibe und Lokschuppen nach dem 2. Weltkrieg (Jahr unbekannt)

Bauphase 4 – 1945 bis 1969
Totale Zerstörung und teilweiser Wiederaufbau

Alle Anlagen wurden kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs nahezu vollständig zerstört. Nach 1945 wurde nur der nördliche Lokschuppen mit Drehscheibe wiederaufgebaut.
Dennoch waren damals mit knapp 80 Dampflokomotiven ebenso viele Maschinen in Neumünster beheimatet wie zwischen den Weltkriegen. Der teilweise Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder sorgten noch einmal für große Betriebsamkeit im Bahnbetriebswerk.

Insgesamt waren in dieser Zeit in Neumünster mehr als 3000 Eisenbahner beschäftigt, womit die Bahn neben der Textilindustrie das wirtschaftliche Fundament dieser Stadt darstellte, die zur drittgrößten in Schleswig-Holstein werden sollte. In der Abbildung gut zu erkennen ist auch der Wasserturm, der hoch über den Lokschuppen hinausragt. Jedes Bahnbetriebswerk hatte in der Dampflokära einen Wasserturm, wobei die unterschiedlichsten Bauformen zum Einsatz kamen.

Lokleitung, Drehscheibe und Werkstattgebäude (Mai 1973)
Der verbliebene Restschuppen zu Zeiten des DB Museums

Lokleitung als ein Beispiel der Verwahrlosung (um 2010)

Bauphase 5 – 1969 bis 2013
Rückbau, Stilllegung, Museum, Verfall

Mit dem Strukturwandel bei der Eisenbahn verlor das Bw Neumünster ab Mitte der 60er Jahre nach und nach an Bedeutung. Im Jahre 1969 wurde das Bahnbetriebswerk als eigenständige Dienststelle aufgelöst. Fortan gehörten die Anlagen als Außenstelle zum Bahnbetriebswerk Kiel.

Dieselloks lösten die Dampfloks ab. Der Traktionswechsel löste einen erneuten Veränderungsschub bei den wenigen verbliebenen Bahnbetriebswerken aus. Die noch aus der Dampflokzeit stammenden Behandlungsanlagen wie Wasserturm, Besandungsanlage, Bekohlungsanlage, Kohlekran, Auswaschanlage, Achssenke etc. wurden nicht mehr benötigt und abgebaut.

Auch der 22-ständige Lokschuppen wurde bis auf sechs Stände abgerissen. Viele Nebengebäude wurden ebenfalls abgetragen und nicht mehr benötigte Gleisanlagen entfernt. Die Strahlengleise blieben jedoch weitestgehend erhalten.

Noch bis 1988 dienten die restlichen Anlagen als Außenstelle des Bw Kiel. Dann wurde das ehemals eigenständige Bahnbetriebswerk Neumünster endgültig stillgelegt und die DB zog sich weitestgehend von dem Gelände unter der Max-Johannsen-Brücke zurück.

Lediglich das DB Museum nutzte das verbliebene Areal als Unterbringungs- und Präsentationsmöglichkeit für zahlreiche Dampf- und Diesellokomotiven bis etwa 2005.

Grüner Dschungel auf dem ganzen Gelände (2013)

Nach dem Auszug des DB Museums ging die Anlage in das Eigentum der Immobilienfirma AURELIS über. Sämtliche Gleisverbindungen und Versorgungsleitungen wurden gekappt sowie weitere Gleise entfernt.

Da das Areal nun keinen Betreuer vor Ort mehr hatte, übernahmen die Vandalen das Zepter. Scheiben wurden eingeworfen, Installationen zerstört oder gestohlen. Die gesamte Anlage verfiel zusehends und die Natur tat ein Übriges, um sich in dem nun der Verwahrlosung preisgegebenen Gelände auszubreiten.

Durch Privatinitiative konnte die Anlage im Jahre 2011 unter Denkmalschutz gestellt werden. Auch weiterhin ist sehr viel Energie, ehrenamtliches Engagement, umfangreiche finanzielle Unterstützung und professionelle Organisation notwendig, um eine nachhaltige Grundlage für die Sanierung und Wiederherstellung dieses Kulturdenkmals zu schaffen und dieses langfristig zu erhalten.

Herstellung der ersten Gleisverbindung zur NEG (2015)
Neue Verglasung in der Lokleitung (2018)

Bauphase 6 – 2013 bis 2019
Erste Erhaltungsmaßnahmen und Erwerb

Im Jahre 2013 gründete sich der Verein Kulturlokschuppen Neumünster e.V (KLN). Zu den satzungsgemäßen Zwecken des Vereins gehört dabei „die Erhaltung historisch wertvoller Schienenfahrzeuge und Eisenbahnanlagen, insbesondere die Erhaltung des Lokschuppens in Neumünster“.

Im Jahre 2014 gelang es dem KLN, einen langfristigen Mietvertrag mit dem damaligen Eigentümer AURELIS abzuschließen. In den folgenden Jahren hat der KLN mit viel Herzblut, aber wenig Mitteln erste Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt sowie die Wasser- und Stromversorgung wiederhergestellt. Auch eine Gleisverbindung nach Norden wurde mit Unterstützung der Norddeutschen Eisenbahngesellschaft Niebüll (neg) realisiert. Dadurch konnten nach vielen Jahren des Leerstands erstmal wieder Eisenbahnfahrzeuge auf das Gelände geschoben und im Lokschuppen untergebracht werden.

Die Größe der Aufgabe stand allerdings von Anfang an in einem krassen Missverhältnis zu den Möglichkeiten des KLN e.V. Demzufolge kamen weder ein Kauf der Immobilie durch den KLN noch die Durchführung größerer Sanierungsarbeiten zustande.

Ende 2017 erwarb die Stadt Neumünster das Areal des ehemaligen Bahnbetriebswerks als Bestandteil einer wesentlich größeren und für die Stadtentwicklung bedeutsamen Fläche von AURELIS. Da die Stadt Neumünster mit dem Areal keine eigenen Pläne hatte, trat die Jutta & Dr. Thomas Kittel-Stiftung an die Stadt Neumünster heran, um auf Basis eines Konzepts der Interessengemeinschaft Kulturlokschuppen Neumünster (IKN) das Areal zu erwerben, zu sanieren und weiterzuentwickeln. Die politischen Voraussetzungen für einen Erwerb durch die Kittel-Stiftung wurden durch zwei Abstimmungen in der Ratsversammlung der Stadt Neumünster im Jahre 2019 geschaffen. Der Abschluss des Kaufvertrags erfolgte Ende des Jahres 2020.

Komplettsanierung der Drehscheibe (2020)
Austausch der maroden Holzschwellen (2021)
Entfernung Graffiti (2020)
Ersatz der zerstörten Glasscheiben (2021)

Bauphase 7 – 2020 bis 2022
Reparaturen und Sanierung

Nach dem Erwerb des Areals durch die Kittel-Stiftung erfolgten folgende Maßnahmen:

  • Fachgerechte Sanierung und elektrische Wiederinbetriebnahme der Drehscheibe
  • Austausch fast aller Holzschwellen auf Strahlen- und Zufahrtsgleisen
  • Entfernung Graffiti und Austausch der zerstörten Scheiben am Lokschuppen
  • Wiederaufbau der doppelgleisigen Südanbindung zu DB Netz einschließlich zweier Weichen
  • Kompletterneuerung des völlig maroden Kohlebansengleises
  • Sanierung der Gleisgrube an der Lokleitung
  • Wiedereröffnung des historischen Eisenbahnbetriebs
  • Fortsetzung der Renovierungsarbeiten in der Lokleitung
  • Teilweise Umlegung und Verstärkung der Stromversorgung
  • Neuanlage eines gepflasterten Lokschuppenvorplatzes
  • Erneuerung der Dachrinnen und Neubau einer Versickerung
Wiederaufbau der zweigleisigen Südanbindung (2020)
Abriss des maroden Kohlebansengleises (2021)
Renovierungsarbeiten in der Lokleitung (2020)
Erweiterungsplanung Lokschuppen mit "Wasserturm"
So könnte es vielleicht einmal aussehen ...

Bauphase 8 – 2023 bis 2025
Beschaffung und Aufbau ehemaliger Elemente

Ehemals vorhandene Elemente des gesamten Ensembles sollen wiederhergestellt werden:

  • Wiederherstellung von weiteren ehemals vorhandenen 10 Lokschuppenständen
  • Neubau eines Turms als Wahrzeichen in Anlehnung an den ehemaligen Wasserturm
  • Wiederaufbau von ehemaligen Gleisanlagen zur Präsentation historischer Fahrzeuge
  • Beschaffung einer historischen Besandungsanlage
  • Beschaffung eines historischen Kohlebaggers
Historische Besandungsanlage (etwa 1950er Jahre)
Historischer Kohlebagger auf Schienen von 1923